Evangelische Kirchengemeinde Kraftsdorf

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An dieser Stelle finden Sie ab und an Andachten, Gebete, Predigten aus zurückliegenden Gottesdiensten.

 

Predigt am XV. So. n. Trin. (12.09.2021) zum Thema: Wie tröstet Gott einen Flüchtling?

Biblische Lesung Gen 28

Da rief Isaak seinen Sohn Jakob und segnete ihn und gebot ihm und sprach zu ihm: Der allmächtige Gott segne dich und mache dich fruchtbar und mehre dich, daß du werdest ein Haufe von Völkern,  4 und gebe dir den Segen Abrahams, dir und deinen Nachkommen mit dir, daß du besitzest das Land, darin du jetzt ein Fremdling bist, das Gott dem Abraham gegeben hat.  5 So entließ Isaak den Jakob. 10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran  11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.  12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.  13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.  14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.  15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.  16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht!  17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.  18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goß Öl oben darauf  19 und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.  20 Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen  21 und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein.  22 Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben. Amen

 

 

Predigt

Der Schlaf ist unruhig, leicht nur. Zuviele Gedanken kreisen ihm durch den Kopf - immer und immer wieder von dem, was war und was werden könnte. Jakob was träumst Du diese Nacht?

Bilder und Erinnerungen von der Kindheit in Kanaan stehen ihm vor Augen. Für die Einheimischen waren sie in 2. Generation Fremdlinge geblieben, mit ihrer anderen Sprache, ihrem anderen Glauben, ihren anderen Festen und ihrem Gott. Die Enkel Abrahams und die in Kannaa, das waren auch nach Jahrzehnten noch immer getrennte Welten. Vater Isaak hatte hart gearbeitet, es zu einigem Wohlstand gebracht für sich und die Familie, ein frommer Mann wie schon der Großvater. Jeder in der Familie wußte, dass ohne Gottes Segen nichts geht, dass alles an diesem Segen liegt, die Zukunft in der Fremde, der Wohlstand, der Frieden, Gesundheit und Glück.

Alles begann mit einem Linsengericht. Es ist ihm, als ob der Geruch von einst ihm jetzt im Traum wieder in der Nase steht. Wie er Esau für ein deftiges Essen sein Erstgeburtsrecht abschwatzte. Später dann als der erblindete Vater auf dem Sterbebett die Söhne segnen wollte, da hat er sich verkleidet, sich als sein älterer Bruder Esau ausgegeben. Und der segnet ihn reichlich, und für Esau blieben nur wenige gute Worte noch übrig.

Es ist eine alte Geschichte unter Brüdern. Jetzt war das Maß voll, das Band der Bruderliebe zerbrochen. Der eine betrogen und hintergangen, der andere auf eigenen Vorteil bedacht, gesegnet zwar, aber auch die Schuld tragend ein Leben lang, mit der er leben muß.

Jakob ist in Lebensgefahr. Esau trachtet ihm nach dem Leben. Es bleibt ihm nur, das Elternhaus zu verlassen, zu fliehen, egal wohin. Da kam ihm der Vorschlag des Vaters, gerade recht, aufzubrechen, Kanaa zu verlassen und zum Onkel nach Mesopotamien zu ziehen,, um dort sein Glück und seine Liebste zu suchen. Jetzt war er unterwegs, auf der Flucht vor der Rache des Bruders, auf Wunsch des Vaters, unterwegs in eine offene Zukunft.

Der Schlaf ist unruhig, leicht nur. Zuviele Gedanken kreisen ihm durch den Kopf, immer und immer wieder von dem was war und was werden könnte. Abdul was träumst Du diese Nacht?

Abdul ist seit dem 17. Juni im Kirchenasyl unserer Kirchgemeinde. Er kommt aus Afghanistan, ist mit seinem Sohn Alesina hier. Die letzte Woche war sicher die schwerste für die beiden. Tür und Tor waren fest verschlossen, das ist sonst auf unserem Pfarrhof nie so. Nach den angstmachenden Briefen der Asylbehörde Altenburg fürchten wir, sie und viele mit ihnen, dass doch noch alles vergeblich war, man sie im letzten Moment nachts abholt mit der Polizei, um sie zurück in ihr Ersteinreiseland, nach Schweden, zu schicken.

Bis dahin hatten sie sich durchgeschlagen, Vater und Sohn. Die Mutter und Schwester mußten sie auf der Flucht im Iran zurücklassen, als sie von den Schleppern voneinander getrennt wurden. „Die Nachrichten aus der Heimat sind nicht gut“, sagt er. „In Schweden droht uns die Folgeabschiebung zurück nach Afghanistan“ Seitdem die Taliban seine Heimatstadt eingenommen haben, gibt es keine Möglichkeit mehr, Kontakt zur Schwester dort zu bekommen. Das letzte Telefonat mit ihr war im Juni diesen Jahres. Und jeden Tag diese furchtbaren Nachrichten. Und was Frau und erwachsene Tochter aus dem Iran berichten, ist auch weniger ermutigend. Corona wütet dort sehr, die Menschen leiden unter wirtschaftlicher Not.

Abdul ist ein stiller Mann, aber man sieht ihm die Sorgen an, die er sich macht. So wie ihm geht es vielen, die auf der Flucht sind. Die Folge ist oft genug eine ausgeprägte Anpassungsstörung, so nennen das Psychologen. Und dann ist man um den Schlaf geraubt, sind Träume oft genug Alpträume, ist man Tags über niedergeschlagen und am Abend findet man keine Ruhe, weil Angst und Sorge um das, was war und was noch kommen könnte, groß sind.

Jakob träumt an Gottes Himmelsleiter Die verbindet Erde und Himmel, Engel steigen auf und ab. Und über allem steht Gott, der ihn segnet. Gerade er, der sich diesen Segen ja vom Vater einst durch einen Trick erschlichen hatte, gerade er, der fliehen mußte, weil die Wut des Bruders rasend war. Gerade ihm sagt Gott: „Ich segne dich und auch deine Nachkommen. Ich bin mit dir, ich will dich behüten, ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“

Am Morgen danach ist für den Träumenden alles anders. Nach Wochen von Sorge und kreisenden Gedanken, hat er das erste Mal seit langem wieder erholsam geschlafen. An jedes Wort seines Traumes kann er sich erinnern. Je öfter er sich jetzt seinen Traum in Erinnerung ruft, je fröhlicher und zuversichtlicher macht es ihn. Die Sorgen und Erinnerungen an das was war, sind nicht vergessen, aber sie sind jetzt irgendwie leichter, nicht mehr alles in seinen Gedanken, weil er weiß und spüren darf: von nun werde ich die Zukunft nicht allein tragen. So hat es Gott ihm versprochen.

In der Fremde in Haran wird Jakob später die Frau seiner Liebe finden, um die er diente. Dort darf er erleben, wie reich ihn Gott mit Nachkommen und Reichtum segnet, und selbst was ihm unvorstellbar schien, dass er sich mit Esau versöhnte, die Familie wieder in Frieden vereint sein kann, auch dieser große Traum wird am Ende seiner Geschichte Wirklichkeit werden.

Abdul kann wieder träumen. Er, vor allem auch der zwölfjährige Alesina schlafen ruhiger in Rüdersdorf. Die Medikamente zur Beruhigung, die sie mitbrachten, konnten in Absprache mit dem Arzt zurückgefahren werden. In den Wochen des Kirchenasyls ist über den Sommer sowas wie ein guttuender Alltag zurückgekommen, ein neuer Alltag auch für uns als Familie, das strukturiert und hilft sehr. Einmal die Woche bringen wir oder andere aus der Gemeinde den Einkauf für die beiden mit. Montag und Donnerstag gibt es Deutschnachhilfe. Seit letzter Woche nehmen wir Alesina mit zur Schule nach Gera. Abdul hat den neuen Rasenmäher der Gemeinde in sein Herz geschlossen. Der Rasen auf Friedhof und Pfarrhof sieht fast englisch aus. Täglich muß gekehrt werden, sagt er, die Enten brauchen frisches Wasser, das Holz muß neu gestapelt werden, die Katze braucht ein paar Streicheleinheiten. Und was wir aus Zeitgründen an Grünpflege vor uns herschieben, daran hat er große Freude, weil er ja Bauer in Afghanistan war, sich auskennt mit dem Pflanzen und Pflegen, so hat er schon auf einem schwedischen Hof ausgeholfen.

Am glücklichsten aber ist er wenn er sagt: „Wenn es Alesina gut geht, geht es mir auch gut! Jeden Tag sind von unseren eigenen 3 Kindern andere Kinder und Freunde zu Besuch. Und sie besuchen auch Alesina. Die Konfigruppe hat ihn ins Herz geschlossen. Da wird getobt, gezockt, gespielt und viel gelacht. Da ist jeder Satz eine Mischung aus Englisch und deutsch. Und am Abend, wenn Ruhe einkehrt, sehe ich glückliche Kindergesichter, höre meine Tochter plötzlich im Schlaf englisch reden und Alesina kann wieder lachen und Kind sein. Das tut gut, sowas zu erleben.

Wie tröstet Gott einen Flüchtling? Ich habe ihnen heute davon erzählt. Als dieses Thema festgelegt wurde, kannten wir Abdul und Alesina, unsere Kirchenasylanten noch nicht. Ich kannte nur Jakob, seine Geschichte.

Jetzt nach diesem Sommer weiß ich, wie das alles mit Jakob und Abdul und Gottes Segen zusammengehört. Es braucht Gott, der seinen Segen dazugibt, es brauch Dich und mich als Gesegnete. Es braucht Menschen, die einen tragen und helfen, und gemeinsam nach vorn schauen, wenn die Sorgen zu groß werden. Es braucht auch strukturierten Alltag, in dem Helfende und Empfangende auf Augenhöhe sind, und Geben und Nehmen zusammengehen. Es braucht Frauen und Männer, die lieber in die whattsapp-Unterstützer- Gruppe schreiben: „erledigt“, als dreimal nachzufragen und insgeheim nach Entschuldigungen suchen. Es braucht auch viel Geduld, Hoffnung und Liebe, das gemeinsame Bangen und die Gelassenheit. Es braucht das Lachen und die Unbeschwertheit der Kinder, die die Ängste und Sorgen der Erwachsenen und seis auch nur für den Moment verschwinden lassen. Wenn alles zusammenkommt sind wir eine Leitersprosse weiter wenn Himmel und Erde sich wie im Traum von Jakobs Leiter berühren, dann haben wir Gottes Segen gesehen. Amen.

 

 

Fürbittgebet

Lebendiger Gott, du willst, dass alle Menschen in Frieden und Wohlergehen auf deiner Erde  leben können. Schmerzlich erfahren wir, dass das nicht möglich ist. Wir bitten dich: für alle Menschen, die auf der Flucht sind, die heimatlos sind, die kein Dach über dem  Kopf haben. Sei nahe zu allen Zeiten.

 Wir bitten dich für alle Menschen, die auf der Flucht sind, weil ihr Land keine Nahrung mehr gibt, weil  die Erde verdorrt ist. für alle Menschen, die auf der Flucht sind, weil Gewalt und Terror sie bedrohen, weil sie  nicht länger in Angst leben wollen. · Sei nahe in unsren Zeiten

Wir bitten dich für alle Menschen, die auf der Flucht verletzt werden, die viel riskieren und gewaltsam  zurück gebracht werden in ihr altes Leben, für alle Menschen, die nicht mehr Ruhe im Schlaf finden können, weil ihre Träume zu Alpträumen geworden sind: Sei nahe in schweren Zeiten


Wir bitten für alle Menschen, die Heimweh haben und sich im neuen Land nicht zurecht finden, für alle Menschen, die ihr Land mit anderen teilen, die Raum und Nahrung abgeben, Gemeinden, die Kirchenasyle gewähren, für alle Menschen, die politisch Verantwortung tragen, für alle Menschen, die sich einsetzen für den Schutz und für menschenwürdigen Umgang  mit Flüchtlingen und Migrantinnen in den Beratungsstellen von Caritas und Diakonie, in Vereinen und Initiativen. Sei nahe in unsren Zeiten.

Gott, in deinem Sohn Jesus Christus bist du selbst Flüchtling geworden, den Flüchtlingen  ähnlich – und dadurch an ihrer Seite. Lege deinen bergenden Segen um die Menschen, die  deine Nähe brauchen und schenke du  Zuversicht und immer neue Kraft. Amen.

 

 

 


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